Ich war mit einigen andern Assistenten im Hyde Park in Leeds, wo das schätzungsweise etwa sechs Meter hohe Bonfire uns schön wärmte und ans Sechseläuten erinnerte, während das halbstündige Feuerwerk schon mal Silvesterstimmung aufkommen liess... Traditionellerweise wird auf den Bonfires eine Guy Fawkes Puppe verbrannt; darauf wurde gestern allerdings verzichtet. Möglicherweise war die Darstellung einer Menschenverbrennung ein wenig zu plastisch für die vielen Kinder. Oder die Katholiken fühlen sich nicht sonderlich wohl in ihrer Haut, wenn da vor den Augen aller die Verbrennung eines von ihnen gefeiert wird. Puppe hin oder her, gebrannt hats schön und geknallt hats bis in die frühen Morgenstunden.
Donnerstag, 6. November 2008
Bonfire Night
Kleiner historischer Exkurs vorneweg: Am 5. November 1604 wollte der Katholik Guy Fawkes mit einer Schar Verbündeten hinter sich das Parlament in London mitsamt dem protestantischen König King James I of Scotland/VI of England, der Königin und den meisten Ministern in die Luft jagen. Das ganze hätte dann zu einer katholischen Revolte führen (deshalb auch die vielen Anhänger) und das protestantische England wieder umkrempeln sollen. Anno dazumals konnten normale Bürger Kellerräume unter dem Parlament mieten und darin lagern, was sie wollten. Guy Fawkes benutze die von ihm gemieteten Räume als Lagerstätten für sein geliebtes Schiesspulver aka "the Parliament's future doom." Dummerweise war ein Verbündeter zu viel, verriet die ganze Aktion, was dazu führte, dass Guy Fawkes an besagtem 5. November in letzter Minute verhaftet wurde. In der Folge wurde er drei Tage lang gefoltert, gestand all seine Pläne, verriet die Namen seiner Verbündeten (die daraufhin erschossen wurden) und wurde schliesslich am 31. Januar 1605 gehängt (allerdings nicht bis zum Tod), ausgeweidet, geviertelt und schliesslich auf einem riesigen Scheiterhaufen verbrannt. Auftritt Memento Mori, weshalb die Engländer heute die Bonfire Night/Guy Fawkes Night/Fireworks Night mit riesigen Bonfires und massig Feuerwerk zelebrieren.
Mittwoch, 5. November 2008
Ferien in Deutschland
Nach nur gut drei Wochen Unterrichtszeit kam ich letzte Woche bereits in den Genuss meiner ersten Ferien. Da ich in meiner Position als Assistent auch nichts vorbereiten oder korrigieren muss, hatte ich im Prinzip die ganze Woche zur Verfügung. Patricia und ich trafen uns am Samstagnachmittag in München; für mich begann die Reise allerdings schon am Freitagabend mit einem Zwischenstopp in London, den ich zwangsmässig einlegen musste, weil ich einen zu frühen Flug gebucht hatte, was ich allerdings erst später entdeckte. Durch diesen Fehler konnte ich also noch einen Abend und eine Nacht in London verbringen, wo ich mich mit Queen Mary, einer ehemaligen Moviekollegin traf, die im Moment in London studiert.
Am Samstagmorgen machte ich mich dann auf den Weg in Richtung Süden und kam nach meinem Flug im Propellerflugzeug pünktlich in München an. München war die erste von sechs Stationen in ganz Deutschland, die Patricia und ich per Interrail erkundeten. In München spielte das Wetter noch mit, wenn es auch sehr kalt war, und so erkundeten wir die grossen Sehenswürdigkeiten und labten uns an Weisswürsten, Spanferkel, Schweinshaxen und Mass Bier. Nach zwei Übernachtungen ging es am Montagmittag weiter mit Ersatzzügen, da die ICEs ja aller kontrolliert werden mussten, nach Dresden. In Dresden sind im nach dem zweiten Weltkrieg völlig zerstörten und wieder aufgebauten Stadtkern die Sehenswürdigkeiten alle schön nahe beieinander gelegen und vom gegenüberliegenden Flussufer hat man schöne Ausblicke auf die Semperoper, den Dom und die Residenz. Nach Dresden kamen Jena und Weimar an die Reihe, wo natürlich Goethe und Schiller eine grosse Rolle spielten und immernoch spielen. Im Gegensatz zu vielen Schriftstellern scheint besonders Goethe schon zu Lebzeiten ein recht feudales Leben geführt zu haben, was sich bei einem Rundgang durch sein grossräumiges Wohnhaus klar zeigte. Am Donnerstag führte uns unsere Reiseplanung nach Köln, wo vor allem der monumentale Dom und die grandiosen Schnitzel beeindruckten. Ein Spaziergang dem Rhein entlang führte uns an netten Häuschen vorbei, wenn wir auch festellten, dass der Rhein in Schaffhausen viel schöner ist als wie der in Köln. Am Freitagabend dann erreichten wir unsere letzte Station Hamburg. Neben dem Wahrzeichen der Stadt, der St. Michaeliskirche, von den Hamburgern liebevoll Michel genannt, hinterliess vor allem die gut einstündige Hafen- und Speicherstadtrundfahrt am Samstagabend einen bleibenden Eindruck mit schönen Aussichten auf das Lichtermeer des Hafens und vor allem die trockengelegte Queen Mary 2, das längste Passagierschiff der Welt. Unseren Abschlussabend verbrachten wir auf dem Kiez, der aber mit schlechtem Wetter und sturem und unspontanem Service in Restaurant und Bar nur bedingt zu überzeugen vermochte.
Nach einer Woche, die viel zu schnell vorbeiging, hiess es am Sonntagnachmittag am Hamburger Bahnhof schon wieder Abschied nehmen; Patricia bestieg den Zug für ihre mehrstündige und volle Reise nach Zürich, während ich via Hamburg Flughafen und London wieder nach Leeds zurückkehrte. Immerhin wurde meine wehmütige Stimmung beim Anflug auf London von einer schönen Aussicht ein wenig gehoben.
Und schon hat mich der Alltagstrott wieder...
Mittwoch, 22. Oktober 2008
Einzug in Leeds
Da ich heute einen freien Tag hatte und noch vor den Ferien umziehen wollte, habe ich heute Morgen meine Siebensachen, d. h. zwei grosse Koffer+Rucksack, gepackt, mich von Oakworth auf Nimmerwiedersehen verabschiedet und meine Reise nach Leeds angetreten. Das Umziehen ging einfacher als erwartet und ich hatte keine Probleme, meine zwei Koffer Gassi zu führen. In Leeds habe ich mir dann ein Taxi geleistet. In meiner neuen Bleibe angekommen, lernte ich erstmal Mitbewohner Nummer drei von vier kennen. Danach habe ich mich sofort ans Auspacken und Einrichten gemacht. Die grosse Verschönerung meines Zimmers folgt nach den Ferien, heute musste es ausreichen, mein Gehöft lebensfähig zu machen. Ich habe also die Möbelordnung ein wenig verschoben, so dass mein Schreibtisch nun in meinem kleinen Fenstererker steht und ich bei Tageslicht arbeiten kann. Nachdem ich die Koffer aus- und die Regale eingeräumt hatte, musste ich in die Stadt und mir Bettwäsche kaufen. Leintuch, Kissen, Decke und die jeweiligen Bezüge. Zum Glück fand ich alles recht billig, so schlug dies nicht sonderlich zu Buche. Freude habe ich vor allem an der Grösse des Bettes: im Gegensatz zu den etwa 80cm Bettbreite bei Matthew habe ich hier stattliche 1.20m. Wofür ich mir dann sogleich eine königliche 2x2m Decke zulegte...
Bis jetzt fühle ich mich schon ziemlich wohl hier und ich denke, dass ich mich auch mit meinen Mitbewohnern relativ gut verstehen werde, vorausgesetzt sie machen mir nicht jede Nacht zur Hölle!
Ein Sonntag in Ilkley
Am letzten Sonntag lud der Wharfedale German Circle (WGC) alle Assistenten aus Yorkshire nach Ilkley ein, um die Stadt und sich gegenseitig ein bisschen kennenzulernen. Wir begannen mit einem Quiz, das uns durch Ilkley führte und uns ein bisschen mit der Geschichte und den Bauten in diesem schönen Dorf bekannt machte. Nach rund einer Stunde waren alle Frage beantwortet und es wurde heisse Schoggi serviert, die man im kühlen und windigen Wetter sehr gerne nahm. Ich verfeinerte die Schoggi mit einem Swiss Muesli Bread aus dem Betty's Café, das meine Erwartungen an Brot ziemlich erfüllte. Danach führten und vier gestandene Herren aus dem WGC in die Hügel um Ilkley, wo die schöne Landschaft von einer schönen Aussicht ergänzt wurde. Einmal mehr stellte sich die Landschaft in Yorkshire als zwar schön, aber doch auch recht karg und monoton heraus..
Die Wanderung führte und ins Haus von Marilyn, Kopf des WGC, wo wir mit Tee und selbstgebackenen Kuchen verwöhnt wurden. Ich schlug mir schon da den Bauch ziemlich voll. Blöd guckte ich aus der Wäsche, als nur knappe zwei Stunden später das Abendessen aufgetragen wurde. Es gabt Shepherd's Pie, im Prinzip nichts anderes als Ghackets mit Härdöpfelstock zugedeckt und im Ofen gebacken. Mit Gravy, Erbs und Rüebli macht das aber einen sehr anständigen Znacht! Auf den Dessert mussten wir auch nicht lange warten, es gab Apple und Rhubarb Crumble mit Custard oder Vanilleeis. Wohlgemerkt, es war alles hausgemacht von Marilyn!
Nachdem ich mir zum dritten Mal den Bauch vollgeschlagen hatte, hatte einer der Herren die Güte, mich zum Bushof zu bringen, wo ich den Bus zurück nach Keighley nehmen konnte.
Insgesamt war es ein vergnüglicher Tag und es ist schön zu sehen, wie viele jeweils die Möglichkeit wahrnehmen, neue Bekanntschaften zu schliessen.
Freitag, 17. Oktober 2008
Man lebt sich langsam ein
Nach einer eher zermürbenden Suche nach einem Zimmer in Leeds bin ich nun endlich fündig geworden und habe heute Nachmittag den Vertrag unterschrieben. Das Zimmer ist in einer 5er-WG mit vier Erstsemesterstudenten und liegt sehr zentral, direkt neben der Uni, gute 20 Fussminuten vom Bahnhof entfernt; ich kann also gut auf öffentliche Verkehrsmittel in Leeds verzichten, worüber ich recht froh bin. Natürlich verlängert sich durch meinen Umzug nach Leeds mein Arbeitsweg beträchtlich und ich werde wohl oder übel zum Frühaufsteher mutieren müssen, was durch verschiedene Umstände jedoch wett gemacht wird: Erstens muss ich nur dreimal pro Woche früh raus, da ich am Montag erst am Nachmittag in der Schule sein muss und der Mittwoch ist ja für die Uni in Leeds reserviert, die ich nun direkt neben der Haustür habe. Zweitens sollte durch die zentrale Lage, das allgemeine Leben in Leeds und meine vier Hausgenossen mein Sozialleben nun doch ein wenig Auschwung erhalten, nachdem ich bei Matthew praktisch drei Wochen allein gelassen worden war. Drittens ist mein neues Zimmer auch kostengünstiger als das bei Matthew und allfällige Gäste werden nicht noch extra verrechnet. Wer dies nun als indirekte Einladung ansieht, darf dies gerne tun - jeder und jede sei mir willkommen in Leeds! In Sachen Ordnung und Sauberkeit muss ich meine Standards wohl ein wenig runterschrauben - vier Freshers halten ihre Hütte nunmal nicht so sauber wie ein allein wohnender Coiffeur... Vielleicht kann ich als Stammesältester ja sogar ein paar Impulse geben und ein wenig zu Sauberkeit motivieren (man wird ja wohl noch träumen dürfen!). Mit der neuen Situation bin ich jedenfalls sehr zufrieden (auch wenn sich dieser Zustand dann wahrscheinlich nach Nächten mit einer Studentenparty in der Hütte - mein Zimmer ist direkt neben dem Wohnzimmer - und wenn ich um sechs aufstehen muss, sehr schnell ändern kann).
Mit diesem neuen Zimmer fasse ich nun so langsam richtig Fuss hier in England und gewöhne mich auch an die neuen Umstände: mittlerweile habe ich alle Klassen, mit denen ich zusammenarbeiten werde, kennengelernt und mit allen Deutschlehrern mal unterrichtet, gestern habe ich mein Bankkonto eröffnet und mit meiner neuen Adresse werde ich dieses Wochenende auch alle notwendigen Formulare ausfüllen können um mich auch polizeilich, steuerlich und krankenkässlich zu registrieren. Und mit der kommenden Routine beschleunigt sich auch der gefühlte Gang der Zeit und nicht mehr jeder Tag fühlt sich wie eine Ewigkeit an - in Anbetracht der noch ausstehenden Fertigstellung meiner Deutscharbeit fast schon wieder ein Nachteil...
Montag, 13. Oktober 2008
York
Für den Sonntag hatten wir uns York vorgenommen. Die kulturell und historisch bedeutsame Stadt liegt etwa eine Zugstunde von Keighley entfernt. Schon von den Römern bewohnt, wurde York zu einer wichtigen Wikingerstadt und stiegt in den darauffolgenden Jahrhunderten zur zweitwichtigsten Stadt Englands nach London auf. York ist auch heute noch, neben Canterbury, einer der zwei Erzbischofssitze in England. In den letzten zwei Jahrhunderten verlor York zwar an ökonomischer Bedeutung, blieb aber kulturell sehr interessant. Hauptattraktion ist das Minster, eine der grössten gotischen Kathedralen Europas. Neben einer sehr hübschen und autofreien Altstadt war auch das neue und sehr modere Wikingermuseum seinen Besuch wert, in dem die Besucher in von der Decke hängenden Wagen durch die nachgebildete Wikingersiedlung Jorvik (=York) gefahren werden, wo nicht nur die Augen, sondern auch die Ohren und die Nase angesprochen werden. Nach einem kurzen Spaziergang zur Burg mit ihrem Turm entlasteten wir unsere Füsse in einem schönen Biergarten, bevor wir in einem kleinen, netten Restaurant mitten in der Altstadt zu Abend assen.
Leeds
Am Donnerstagabend durfte ich Patricia am Flughafen in Liverpool abholen; sie kam für das verlängerte Wochenende ein erstes Mal zu mir nach Keighley. Am Freitagmorgen musste ich sie jedoch schon wieder alleine bei Matthew zurücklassen, weil ich zur Schule musste, beeilte mich aber, danach so schnell wie möglich wieder nach Hause zu kommen. Da das Wetter mitspielte, unternahmen wir einen ausgedehnten Spaziergang in die Landschaft um Oakworth und kehrten für das Abendessen im Grouse Inn ein, wo die sehr nette Landlady uns zuvorkommend und umsorgend beriet und wir in den Genuss unseres ersten, recht typischen englischen Mahls kamen. Schön und ein wenig unheimlich war auch der Heimweg über windige dunkle Höhen zurück nach Oakworth.
Am Samstag fuhren wir mit dem Zug nach Leeds. Die "Party- und Shoppingmetropole" zeigte sich an diesem Morgen nicht von ihrer besten Seite und neben dem trüben Wetter schlugen mir eine Absage für ein Zimmer in Leeds und das Kappen meiner Internetverbindung in Oakworth am Abend davor aus Gemüt. Das Internetproblem lösten wir mit mobilem Internet für meinen Laptop, was nicht die billigste, aber wahrscheinlich die sinnvollste Lösung war. Das Wohnungproblem ist noch nicht beseitigt; ich werde mich morgen wieder damit beschäftigen.
Nach einem Aufmunterungs-Cheesecake machten wir uns wieder auf und erkundeten Leeds ein bisschen weiter. Dass Leeds eine Studentenstadt ist, zeigte sich an der jungen Bevölkerung und den vielen Bars und Cafés; dass es eine Shoppingmetropole ist, war auch nicht sonderlich schwer zu erkennen und so schlugen auch wir uns nicht kurz in verschiedensten Läden rum.
Für das Abendessen hatten wir ein nett aussehendes Lokal ausgesucht, was wir auch nicht bereuten; das Essen war lecker und ausreichend! Nach einem langen und anstrengenden Tag waren wir froh, zu Hause zu sein.
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